Mein Freund der Reichsbürger

Beim Kumpel.

„Hier, guck mal.“ Breites Grinsen, Schluck aus der Bierflasche. Er reicht mir einen Zeitungsartikel.

„Wasn das?“ Ich überfliege:

… polizeibekannter Reichsbürger … GEZ-Gebühren-Schulden … zum wiederholten Male… Polizei-Einsatz … Schüsse durch Wohnungstür … etc. etc.

„Und?“

„Kommste nich drauf, wer das ist …“

Bäng!

Doch nicht etwa …

Doch.

Hätte mir gleich verdächtig vorkommen sollen, als mich die komplette Familie – Vater, Mutter und zwei Kinder – bei meinem letzten Besuch davon zu überzeugen versuchten, dass der neue fünf Euro Schein voller Hakenkreuze ist.

Ts, Sachen gibt’s.


Der Bruder des Reichsbügers ist einer meiner ältesten Kumpels. Seit dem letzten „Staatsbesuch“ ist der Reichsbürger bettlägerig, sagt man. Kein Spaß. Und das mit Mitte vierzig. War die letzten Jahre eh schon zu Hause. Arbeitsunfähig. n Haufen Allergien und so. Und das als Selbständiger. Hat sich danach noch ehrenamtlich engagiert. Ging dann später auch nicht mehr.

Erinnere mich noch daran, wie mir die Frau des Reichsbürgers erzählte, wie sie mittlerweile immer Pfefferspray und Teleskop-Stock dabei hat, wenn sie nachts los muss. Ware ausliefern. Muss im Stockdunkeln ihren Wagen beladen. Ist schon mal „komischen Leuten“ begegnet, während sie so einlud. Darum konnte die auch all die Jahre nicht mitfeiern, wenn wir beim Reichsbürger immer zum Saufen beisammen saßen.

Der Bruder des Reichsbürgers ist ebenfalls arbeitsunfähig. Hat sich den Rücken verhoben. Mehrmals. Bis ihm irgendso n Zeugs aus dem Rücken gelaufen kam. Seitdem hockt der zu Hause, kotzt sich über seine Ex-Frau aus und verkracht sich mit den besten Kumpels, die er jemals hatte. Hat ne Umschulung gemacht, arbeitet wieder, tut ihm gut.


Der Begriff „Besorgte Bürger“ geht mir durch den Kopf. Dies hier sind die Menschen, über die man wohl in keiner Zeitung liest. Das ist die kleine, finstre Welt, aus der ich komme.

Bin ich froh, dass ich dort weg bin.

Ralf der Erste

Wir werden alle sterben, jeder von uns, was für ein Zirkus! Das alleine sollte uns dazu bringen, uns zu lieben, aber das tut es nicht. Wir werden terrorisiert von Kleinigkeiten, zerfressen von gar nichts.
Charles Bukowski

Als ich fünfzehn war, wechselte ich die Schule. Ich hatte genug von den Spasten aufm Gymnasium. Die Sommerferien hatte ich mit meinen früheren, echten Kumpels verbracht. „Wir“ hatten beschlossen, dass ich nach den Ferien zu ihnen in die Klasse auf die Realschule wechseln würde. Meine Mutter war natürlich alles andere als begeistert: Sie wäre froh gewesen, hätte sie das Zeug fürs Gymnasium gehabt. Meine Mutter denkt bis heute, dass mir alles einfach so zugeflogen kommt. Ja, daran erkennen Sie die wahren Profis: Bei ihnen sieht das immer so leicht aus. Da ich die Schule aber eh schon ne ganze Weile schwänzte – ja, so schlimm war das damals -, hatte sie eh keine andere Wahl.

Und so traf ich Ralf.

Ralf war auch neu. Ralf war vor ein paar Jahren aus Berlin hergezogen. Oh, der Duft der Großstadt. Der großen weiten Welt. Hier in diesem Scheißkaff. Ralf ging zwar nicht in die selbe Klasse wie ich, da wir aber beide am Tag der Einschulung neu waren, mussten wir noch unsere Wahlpflichtkurse (WPKs) wählen. An anderen Schulen nennt man so was „AG“ (Arbeitsgruppe). Da alle anderen Schüler bereits im vorherigen Schuljahr ihre WPKs gewählt hatten, mussten Ralf und ich das nehmen, was halt übrig war und so landeten wir in zwei WPKs, die für „Außenstehende“ auf den ersten Blick etwas „widersprüchlich“ aussehen könnten.

Sagen wir mal so: Wir hatten den Nerd-Kurs (Frauen-Quote: 0,1 %). Und wir hatten den Kreativ-Kurs (Männer-Quote: 0,1 % – Ralf und ich). Ralf und ich waren kreative Nerds. Zufälligerweise entsprach einer der WPKs meinem lebenslangen Traumberuf. Bis heute. Ich konnte mich also glücklich schätzen. Auch wenn Ralf der Bessere von uns war. Eigentlich war das ziemlich unfair, denn sein Talent bedeutete Ralf nichts.

Ralf war das dickste Kind, das ich jemals getroffen hatte. Er redete nicht viel. Und wenn er redete, stotterte er meistens. Er müffelte ein bisschen. Er hatte diesen stechenden Blick. Er hatte dieses gehemmte Lachen. Es war nicht mal ein Lachen. Mehr so ein unkontrolliertes Schnaufen.

Ralf malte gerne: Mit Vorliebe Totenköpfe, denen das Hirn aus der aufgesägten Schädeldecke quillte. Messer durften nicht fehlen. Ein Mädel aus seiner Klasse stand drauf, wie sie mir auf der Abschlussfeier erklärte. Dabei malte Ralf eigentlich gar nicht so wirklich gut. Ich glaub, was das Malen betrifft, war ich der Bessere.

Ralf war ein paar mal auf dem Gymnasium sitzengeblieben, bevor er auf die Realschule wechselte. Er war der erste in meinem Freundeskreis, der Auto fahren durfte. Und Ralf fuhr wie ein Gestörter: Als er mich mal zu Hause abgesetzt hatte, legte er einen Burnout hin, der mich um seine Reifen fürchten ließ. Gefühlt hatte Ralf seine Reifen bis vor seine Haustür durchdrehen lassen.


Eigentlich war Ralf ein astreiner Psycho. Einer der Sorte, von dem man Jahre später in den Nachrichten hören würde, dass er zwanzig Frauen umgebracht hatte: Wenn ich ihn zum Lachen brachte, fing Ralf irgendwann an, mich zu schlagen. Wenn er einem den Ball zuwerfen sollte, warf er einem das Ding grundsätzlich mit voller Wucht ins Gesicht. Mit völlig teilnahmsloser Miene.

Ralf war Senna-Fan. Formel 1 war sein Ding. Der Tod von Senna nahm ihn Jahre danach noch mit. Es war das einzige Mal, dass Ralf so etwas wie eine Gefühlsregung zeigte, als ich ihn auf das Senna-Poster an seiner Zimmertür ansprach.

Als wir mal per PC-Netzwerk ein Autorennen spielten und meine Karre längst an der Startlinie stand, bastelte Ralf mindestens zwanzig Minuten an seinem Auto-Setup rum. Beim Start hängte er mich so was von ab, dabei konnte man doch nichts anderes machen als Gas geben? Scheiße, Ralf: Was war dein Geheimnis?

Ralfs Mutter war Ärztin. Mit eigener Praxis. Viel Zeit schien sie nicht für ihren Sohn zu haben. Ich habe sie nie gesehen. Wenn ich meiner Mutter glauben durfte, war sie noch dicker als Ralf. Dass Ralfs Mutter so dick war, war auch das Einzige, was immer zur Sprache kam, wenn ich Ralf besuchte. „Die Mutter ist doch so dick.“ Keine Ahnung, Mam, ich hab sie nie gesehn.


Ich dürfte der einzige Mensch gewesen sein, der Ralf zu Hause besuchte. Ich dürfte der einzige Mensch gewesen sein, der Zeit mit Ralf verbrachte. Nie werde ich den verdutzten Blick des Großvaters vergessen, als er kurz ins Zimmer kam und da tatsächlich jemanden mit Ralf zusammenhocken sah. Da Ralfs Mutter so schwer beschäftigt war und ich über Ralfs Vater nie irgendwas gehört hatte, wurde Ralf scheinbar von seinen Großeltern großgezogen. Sie schienen ganz nett zu sein – auch wenn ich Ralfs Oma nie zu Gesicht bekam.

Die Freude des Großvaters hielt leider nicht lange an: Damals hab ich noch geraucht und nachdem ich draußen auf Ralfs riesigem Balkon eine geraucht hatte und den Geruch mit mir ins Zimmer trug, wurde der Großvater kurz darauf fuchsteufelswild, als er noch mal reinkam und den Zigarettenqualm roch. Ich hab ihm bestimmt fünf Mal versichert, dass Ralf nicht rauchte – Ralf und rauchen … ich bitte euch: Ralf hasste das Rauchen -, ob er mir glaubte: Ich weiß es nicht. Da war er: Der personifizierte schlechte Einfluss, vor dem Ralf geschützt werden musste! In Form eines Jugendlichen, der draußen auf dem Balkon eine Zigarette geraucht hatte. Ich warne euch: Vorsicht vor dem wahren Leben!

Ich hatte später noch viel mehr schlechten Einfluss auf Ralf: Den Zivildienst verbrachte Ralf mit einem meiner Kumpels. Darum beschlossen wir drei, Silvester (1999?) zusammen zu feiern. Das dürfte das einzige Mal gewesen sein – abgesehen von der Realschul-Abschlussfeier -, dass Ralf Bier trank. Trotzdem habe ich Ralf nie betrunken oder angeduselt gesehen. Bei seinen körperlichen Ausmaßen! Und so wenig wie der trank. Bier schmeckte ihm wohl nicht. Ihm fehlte halt die „Übung“.

Danach verlor man sich aus den Augen: Ralf studierte irgendwo „in der Stadt“.

Dann starb seine Mutter. Meine Mutter erzählte es mir. Sie wusste immer relativ gut über Ralf Bescheid. Keine Ahnung, woher.

Und dann starb Ralf.


Wieder war es meine Mutter, die es mir erzählte: Ralf fuhr nebenbei Taxi, um sich Geld fürs Studium zu verdienen. Er war mit seinem Taxi bei Glatteis von der Straße abgekommen, in einen Kanal gefallen und anschließend ertrunken. Ich hörte kurz die quietschenden Reifen, mit denen mich Ralf zu Hause abgesetzt hatte. Damals. Einige Jahre zuvor.

Es war nur ein Gerücht, das mit dem Ertrinken. Für mich machte es Sinn. Um ehrlich zu sein: Ich wunderte mich kein bisschen. Es passte zu Ralf.

Ralf war „der Erste“: Wenn man erwachsen wird, gibt es immer einen, der „der Erste“ ist: Der Erste, der abtritt. Der Erste, der Kinder kriegt. Der Erste, der heiratet. Der Erste, der sich scheiden lässt. Der Erste, der sich sterilisieren lässt. Der Erste, der wegzieht.

Der nächste Tag war seltsam: Die Sonne schien etwas heller als sonst, der Himmel war etwas blauer und für mich war es einfach nur ein Tag, den Ralf nicht mehr erlebte. Ein Tag, den ich ohne Ralf lebte. So geht es mir heute noch: Wenn Leute sterben, ist die Welt eine andere. Man lebt jetzt ohne diese Menschen. Man lebt die Tage, die diese Menschen nicht mehr erleben. Man „darf“ die Tage erleben, die diese Menschen nicht mehr erleben. Man denkt an das Schicksal: Welche Tage sind vorherbestimmt, von uns erlebt zu werden? Welche nicht mehr? Was würde sich ändern, wenn wir es wüssten? Was können wir lernen?

Ich schätze: Nichts. Wir können bloß weiterleben. Es gibt keine „Moral von der Geschicht'“, denn ich wüsste nicht, was wir von Ralf lernen könnten. Von seinem sinnlosen Tod. Seinem sinnlosen Leben?

Die Schweine machen nur noch Großpackung

Wochenende.

„Und du willst nachher tatsächlich nochmal los?“

„Ich kann nachher ruhig einkaufen gehen. Macht mir nichts aus. Abends ist ja auch weniger los, nicht wahr?“

„Du Toller.“

Was sie nicht weiß: In meinem Kopf nimmt ein perfider Plan Gestalt an: Ich werde mir für den Heimweg ein Raider kaufen.

Muhahahähä!


Kaufland.

Es ist noch genau so voll wie nachmittags. Das Gemüse ist weggekauft und alle drehen durch. Wochenende halt.

Ich überlege, ob ich mir was Süßes oder was zu saufen einpacken soll. Wie ich mich kenne, läuft es eh auf beides hinaus.

Als alles im Wagen verstaut ist, beginnt mein „wahrer“ Einkauf: Ich reihe mich in eine der riesigen Schlangen an der Kasse ein, sehe mich schon das Regal mit den Süßigkeiten durchstöbern, schwanke zwischen Raider, Mars und Snickers und lege mir nach kurzem Hin und Her ein Raider aufs Band.

Denkste.

An diesen scheiß elternfreundlichen Kassen gibt es keine Süßigkeiten mehr. Ich vergesse für einen Moment, dass ich selber Kinder habe und verdamme diese völlig übertriebene Rücksichtnahme. Scheiß Welt: Zu viel Rücksicht und zu viel Gesundheit.

(Und zu viel Klima. Und sowieso.)

Okay, alles zurück. Ich drehe um und begebe mich ins Purgatorium, an einen Ort, an dem ich seit Jahrzehnten nicht mehr war: In die Süßigkeiten-Abteilung!

Endlose Regalmeter orgiastischer Freuden! Engels-Fanfaren begleiten meinen Einzug in diesen wahren Garten Eden! Hier werde ich ihn finden, den Apfel am Baum der Erkenntnis.

Doch die Schlange ist auch schon da. Sie zischt mir entgegen. Vor lauter Schlange ist vom Baum nichts mehr zu sehen. Sie zwingt mich, eine Sünde zu begehen, die zu groß ist, um jemals durch das Opfer des einzigen Sohnes geläutert zu werden:

Es gibt nur noch Großpackungen.

Es gibt nur noch Fünfer-Packs.

Und außerdem finde ich mein Raider nicht.

Der Engel auf meiner linken Schulter erleidet einen Nervenzusammenbruch.

Der Teufel auf meiner rechten Schulter fängt an, breit zu grinsen.

Wie soll ich das jemals vor mir rechtfertigen?

Teufelchen sagt: „Ganz einfach: Nimm den Fünfer-Pack, pack dir zwei in die Jackentasche für den Rückweg, die anderen drei verteilst du unter den Armen – sprich: Einer für die Frau, einer für Kind 1, einer für Kind 2.“

Wir haben einen Deal. Ab zur Kasse.


Praktisch: Nach der Kasse gibt es Müllcontainer für Papier, Plastik, Batterien. Ich befreie den Fünfer-Pack von seiner sterblichen Hülle, zwei in die Jacke, drei in den Rucksack und trete den Heimweg an.

Dumm nur, dass zehn Schritte später bereits beide Riegel gegessen sind.

Teufelchen hilft mir rechnen: „Drei hast du noch. Wenn du noch einen isst, kannst du einen deiner Frau geben und einen isst du selber. Ihr könntet gemeinsam jeder einen Riegel essen!“

Na, so was zeichnet „normale“ Familien schließlich aus: Gemeinsame Mahlzeiten! Und für die Kinder hab ich eh Schoko-Pudding gekauft. Teufelchen ist halt noch ein wahrer Freund!

Dumm nur, dass ich nach halber Strecke bereits vier Riegel gegessen habe und nur noch ein Riegel übrig ist.

Engelchen sagt: „Wenn du den jetzt auch noch isst, hast du’s verkackt.“

Teufelchen sagt: „Wenn du den jetzt auch noch isst, hast du’s verkackt.“


Zuhause.

„Soll ich dir beim Auspacken helfen?“

„Kannst du schweigen wie ein Grab?“

Interessierter Blick.

„Kein Wort zu den Kindern.“ Ich öffne den Rucksack. Ganz oben liegt ihre Überraschung.

„Für mich?“

Ich nicke.

Sie schenkt mir ein verschwörerisches Lächeln, versteckt ES im Küchenschrank und ruft ins Wohnzimmer: „Möchte jemand Schokopudding?“

Endlich wieder abnehmen

Wisst ihr, was mir echt gefehlt hat?

Die Aufgabe.

Der Kampf gegen den übermächtigen Gegner.

Gegen die Fress-Sucht.

Das Leben im Hunger-Modus.

Sagen wir’s, wie’s ist: „Gewicht halten“ ist doch scheiße. Das ist wie Leben auf Diät, nur ohne die Belohnung. Ohne den Erfolg. Also: Gewicht zu verlieren. Hübscher, schöner, schlanker, schneller, leichter zu werden. Ist doch scheiße.

Ich kann so was nicht. Ich kann leben im Fress-Modus und ich kann leben im Hunger-Modus. Nichts dazwischen. Machen die Ur-Völker übrigens genau so: Die sind alle so schön schlank und durchtrainiert, weil die sich entweder – in nahrungsmittellastigen Zeiten – total vollfressen oder in nahrungsmittelarmen Zeiten leider hungern müssen. Würden die bei uns leben, umzingelt von Mc Donald’s und Wohlstand, wären die allesamt Kandidaten bei „My 600-lb Life“ (deutsche Version). Bin ich überzeugt von. Wäre auch nur natürlich.


Übrigens: Jesus sagt:

jesus


Den Weihnachts-Fresskomata-Speck wieder runterkriegen: Das ist ne Aufgabe! Das will bewusst angegangen werden. Das verlangt eine bewusste Entscheidung. Eine Kriegserklärung. Also: Alles zurück auf Fressplan: 1500 Kalorien pro Tag + Gemüse, damit wir im Sommer unserer Eitelkeit frönen können.

(Auch wenn Abnehmen kein bisschen schöner macht – aber das Thema hatten wir ja schon mal.)

Alle Macht den Drogen! Oder: Wie ich als kaffeeloser Abstinenzler nach dem ersten Kaffee auf einmal alle Drogen der Welt nehmen wollte

Firma.

Kollege Jehovah kommt zu mir: „Oh, Sie trinken wieder Kaffee.“

„Jepp.“

„Wie lange schon?“

„Dezember.“

„Wie kommt’s, wenn ich fragen darf?“

„Der macht so schön high.“

„So so. Ich bilde mir ja ein, dass ich besser schlafe, seit ich keinen Kaffee mehr trinke.“

„Etwa weil Sie morgens nicht mehr so müde sind?“

„Genau.“

„Soll ich Ihnen sagen, was dagegen hilft?“

Fragender Blick.

„Kaffee.“

Muahahaha!

Ich lache und entferne mich.

Ich bin das Chaos …


Hatte ich schon erzählt, warum ich auf einmal wieder Kaffee getrunken habe?

Weil ich das süße Zeug nicht mehr abkonnte.

„Süßes Zeug“ heißt in dem Fall: Tee.

In der Regel Roibos Vanille. Oder Apfel/Zimt, Ingwer/Orange oder so was. Das schmeckt alles so n bisschen süß. Und wenn man das den ganzen Tag trinkt, wird man des Geschmackes überdrüssig irgendwann.

Ich brauchte einfach mal was anderes. Etwas Pures. Etwas Bitteres.

Ich brauchte: Kaffee!

Schwarz.

Einfach wegen des Geschmacks.

Schwarzer Kaffee schmeckt in erster Linie bitter. Darum mögen ihn die meisten Leute nicht. Meine Kinder, zum Beispiel. Aber grad dieser urtümliche, bittere Geschmack ist es, der beim schwarzen Kaffee das Schöne ist. Es ist ein purer, einfacher Geschmack. Eine Grundgeschmacksrichtung: Bitter.

Noch grundlegender geht gar nicht.

Und was noch so schön am Kaffee ist, ist die Wirkung in der Birne: Kaffee macht gute Laune.

Genau so wie Alkohol.

Und wenn man da mal ne Weile drauf verzichtet, dann merkt man erst, wie „leicht“ das Leben einem vorkommt, wenn man sich so an die legalen „Drogen“ hält.

Und dann will man da leider mehr davon. Man ist ja schließlich bald schon vierzig und bekommt Torschlusspanik: Man möchte im Leben schließlich was erlebt haben und sich gut fühlen und plötzlich stinken Zigaretten gar nicht mehr so schlimm und plötzlich weiß man, warum die Raucher alle rauchen, warum die Kiffer alle kiffen und warum sie recht haben mit dem, was sie tun:

Einfach, weil man sich durch Drogen besser fühlt. Und ab wann sind Drogen eigentlich Drogen und sowieso?

Stop.

Hammertime.

„Sag mal, spinnst du eigentlich? Dein Leben lang wolltest du von Drogen nichts wissen – auch wenn’s dir keiner geglaubt hat, so wie du rumgerannt bist – und jetzt kommst du so an?“

„Ja, nicht wahr: Echt witzig, oder?“

Wobei: Nö. Ich habe zwischenzeitlich keine Drogen eingeworfen und sehe auch nicht ein, warum ich es sollte. Aber dieses oben beschriebene plötzliche Verlangen habe ich wirklich verspürt, nachdem ich wieder mit dem Kaffee anfing. Keine Ahnung, wieso.

Zur Zeit trinke ich so viel Kaffee, dass die allseits beliebte anfängliche Euphorie schon fast in Angstzustände umkippt. Ist wissenschaftlich erwiesen: Bei Leuten mit der entsprechenden genetischen Disposition sorgen bereits mittlere Dosen für Angstsymptome, ab der richtigen Menge sorgt Koffein bei allen Leuten für Angstsymptome:

Die Angstreaktion trat allerdings nur dann auf, wenn die Versuchspersonen eine mittlere Dosis von Koffein zu sich nahmen – nämlich 150 Milligramm, das entspricht in etwa zwei Tassen Kaffee. Bei einer niedrigeren Dosis (50 Milligramm) reagierte keine der Versuchspersonen mit Angst, bei einer hohen Dosis (400 Milligramm) hingegen zeigten alle Versuchspersonen eine erhöhte Ängstlichkeit[..]

Ich denke, mit sieben Tassen sehr starken Kaffees gehöre ich eher zur letzten Gruppe.

Mir reicht das schon, wie Kaffee mein Hirn fickt. Jetzt stellt euch mal vor, ich würde mal ne richtige Droge nehmen – was dann wohl in meiner Birne los wäre?

Ach so: Bevor sich da irgendwer Sorgen macht: Ich finde diese Erfahrung interessant. Und da ich auch weiß, wo’s herkommt und mir Kaffee einfach viel zu gut schmeckt, werde ich mich weiterhin auf diese „interessante“ Erfahrung einlassen. Andere geben nen Haufen Geld aus, um so nen Thrill zu spüren. Ich krieg ihn per Firmen-Kaffeemaschine gratis und werde auch noch bezahlt dafür.

Je nach Wetterlage wird einem Kaffee als gut oder schlecht verkauft. Ich glaube ja eher, dass uns all diese widersprüchlichen Informationen viel mehr krankmachen, als all das, was da irgendwelche Leute herausgefunden haben wollen. Aber was weiß ich schon?

Just my 2 cents.

Merke: Der dritte Kaffee schmeckt immer scheiße. Nach dem fünften geht’s wieder.

Vergesst Sport. Vergesst „gesunde Ernährung“. Vergesst Ernährungswissenschaft. It’s all genetics, Baby!

Sport treiben, du sollst.

Gesund ernähren, du dich sollst.

Damit du länger lebst und dabei gesund bleibst.

Damit du deiner Krankenkasse nicht so lange auf der Tasche liegst.

Weil irgendwer da irgendwas herausgefunden zu haben glaubt.

Aber wisst ihr was: Das ist alles Bullshit!

Vergesst Ernährungswissenschaft. Alles, was die Ernährungswissenschaft herausgefunden zu haben glaubt, ist nicht mehr als heiße Luft. Wer das sagt? Na, die Ernährungswissenschaftler selbst.

Was das Problem ist? Die Ernährungswissenschaft ist (bislang) beobachtungsbasiert. Man beobachtet eine größere Anzahl Leute und schließt von deren Essverhalten auf ihre Lebenserwartung, BMI, Glücksgefühl usw.:

Das Problem bei allen Ernährungsstudien ist die Methodik.[..] Die einzige wirklich gute Studie, mit einer großen Teilnehmerzahl und über acht Jahre hinweg, hat ergeben, dass es völlig egal ist, wie sich die Probanden ernährt haben. Krebs, Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes – alles gleich. Gerade bei den ernährungsmedizinischen Fragen sind die meisten Studien einfach Wissenschaftsmüll.

Dass beobachtungsbasierte Studien Schwachsinn sind, beweisen die Schweizer: Sie haben den niedrigsten BMI, die höchste Lebenserwartung, die meisten Nobelpreise pro 10 Millionen Einwohner etc., weil sie am meisten Schokolade essen.

Laut beobachtungsbasierter Studie.

„Gesunde Ernährung“? Niemand weiß, was das ist. Zumindest nicht die Leute, die es wissen sollten.

Gemüse und Obst sind gesund? Fünf-am-Tag? Nö. Kriegt ihr bloß Scheißerei von:

Die seit Jahren wiederholte Empfehlung der deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) und der jeweils amtierenden Verbraucherschutzministerin fünf Portionen Obst und Gemüse zu verzehren – einschlägig bekannt auch als IN FORM oder 5-am-Tag – mehr geschadet als genutzt.[..] Offensichtlich hat der staatliche Aufruf zu mehr Obst- und Gemüseverzehr für kollektive Verdauungsprobleme gesorgt.

Sport macht schlank?

Nö. Sport macht hungrig. Die wenigsten im Fitness-Studio sehen allzu sportlich aus. Eher das Gegenteil. Es macht auch keiner irgendwelche Fortschritte.

Das Trainer-Personal ernährt sich gesund und sieht darum so sportlich aus?

Ich bitte euch: Die fressen nur vom Lieferdienst. Kuchen essen die. Blechweise. Bonbons. Schüsselweise. Sehe ich jeden Tag. Und solche Leute erzählen euch dann, was ihr essen oder nicht essen müsst, um so schön und schlank wie die zu werden? Pahaha, merkt ihr was?

Merke: Gute Schwimmer haben keinen so tollen Körper vom vielen Schwimmen, sie sind so gute Schwimmer wegen ihres Körpers.

It’s all genetics, Baby!

Ich kenne niemanden, wo ich sagen würde, er ernährt sich gesund und ist deswegen älter geworden. Oder sieht sportlich aus, weil er Sport treibt. Dreiviertel meiner Großeltern hat die Mitte der Neunzig erreicht, ein Viertel starb mit Vierzig oder Fünfzig. Die ham sich alle gleich ernährt, aber nicht besonders gesund. Drei Viertel waren bzw. sind fett, einer war gertenschlank.

Ich kenne niemanden, der früh gestorben ist, weil er sich – nach allgemeiner Auffassung – ungesund ernährt hat oder einen ungesunden Lebenswandel führte.

Ich erlebe allein das Gegenteil. Jeden Tag:

Der dreihundert Kilo Mann, der raucht, den ganzen Tag nur Junk frisst und sich von täglich mehreren Litern Cola ernährt und mit allerbester Laune auf die Sechzig zugeht und nach gängiger Auffassung kaum die Fünfzig hätte erlebt haben dürfen?

Check.

Der Tennis-Funktionär, ein Leben für den Sport, körperlich in Bestform, nur leider Schlaganfall mit Mitte fuffzig und seitdem am Stock?

Check.

Der Onkel, der immer so gesund lebte, jeden Tag Müsli, sein Müsli sogar bei Reisen immer dabei hatte und dann völlig überraschend Hirnschlag und Aus?

Check.

Der Kumpel, dessen Eltern beide im kurzen Abstand an Krebs starben, der die Ärzte darum anbetteln musste, eine Krebsvorsorge-Untersuchung machen „zu dürfen“ und die ihm als Grund für die Untersuchung schließlich „psychologische Schwierigkeiten“ hinschreiben mussten, damit die Krankenkasse die Kosten übernimmt, weil er ja überhaupt (noch) gar nicht zur Risiko-Gruppe gehört und schlank und sportlich ist und … hoppla, da fanden wir ja nen Haufen Zeug, der in ein paar Jahren zu Krebs geworden können worden wäre und wie gut, dass Sie rechtzeitig gekommen sind und der seitdem nur noch predigt:

„Es ist alles Genetik.“

Und alle nicken und pflichten ihm bei und trinken ihr Bier.

So lange sie noch können.

So lange die „Genetics“ uns noch lassen.


Die Welt da draußen ist voller Lügen und bringt uns nicht weiter. Verschwenden wir nicht weiter unsere Aufmerksamkeit daran.

P.S.: Als Bonus: Der Vergleich hier hat mir besonders gut gefallen:

Ich konstruiere Ihnen ein stark vereinfachtes Beispiel: 2001 befragen Forscher 100000 Leute zu ihrem Essverhalten. 2011 zeigt sich bei den dickeren Leuten: Statistisch betrachtet, haben sie häufiger in gefütterten Pantoffeln gefrühstückt als die dünnen. Also lautet die Erkenntnis: „Frühstück in gefütterten Pantoffeln macht dick.“ Das ist absoluter Unsinn. Aber so funktioniert Ernährungswissenschaft: Beobachtungsstudien liefern nur Hinweise und vage Vermutungen für richtiges Essen, aber niemals Beweise. Unsere Gesundheit hängt nicht von einzelnen Lebensmitteln ab, sondern vor allem von unseren Genen, der Umwelt und dem sozialen Gefüge, in dem wir leben.

(Aber bitte nicht als Werbung verstehen! Jeder, der was zu Ernährung schreibt, ist ein Scharlatan.)

2020

Frohes Neues! Das Neueste in Kürze:

  • Ich bin nach 12 Jahren konsequenten Veganismus‘ kein Veganer mehr. Ich bin jetzt Heim-Veganer. Oder nur noch Vegetarier? Oder werde ich bald wieder konsequenter Veganer sein? Keine Ahnung. Auf jeden Fall gerät man dabei in ein ziemliches Dilemma.
  • Ich habe es mir über die Weihnachtsfeiertage ziemlich gutgehen lassen und dabei sechs Kilo zugenommen. Für Zahlenfetischisten: Ich habe mir innerhalb von 17 Tagen einen Kalorienüberschuss von 42.000 Kilo angefressen. Das sind ziemlich genau 2470 Kalorien zu viel. Pro Tag.
  • Aber keine Angst: Ich bin damit wieder normalgewichtig (mitten im BMI). Mein Umfeld freut’s.
  • Allerdings fängt meine Frau mittlerweile an, das Essen vor mir zu verstecken. Sollte mir das zu denken geben?
  • Vergesst „mal n paar Tage über die Stränge schlagen ist schon nicht so schlimm“: Bei mir legt sich da so n Schalter um, wenn ich „mal“ „über die Stränge schlage“. Soll heißen: Entweder ich bin im Hunger-Modus oder ich bin im Fress-Modus. Dazwischen gibt’s nichts und den Schalter umlegen ist verdammt schwer. Dabei nicht zuzunehmen sehe ich als Akt göttlicher Gnade.
  • Ich trinke wieder Unmengen Kaffee. Ich kann keinen Tee mehr sehen.
  • Ich trinke wieder Alkohol.
  • Meine aktuelle Sekundär-Sucht: Lesen. Ich bekomme ein schlechtes Gewissen, wenn ich statt zu lesen überlege, irgend etwas anderes „zur Entspannung“ zu machen. Wie viele Seiten man lesen könnte, würde man statt des zweistündigen Films sein Buch weiterlesen, nicht wahr?
  • Ich bin der verfressenste Mensch, den ich kenne: Sogar mein fetter Kollege schafft es, noch eine rauchen zu gehen, ehe er sich über seinen soeben gelieferten Lieferanten-Fraß hermacht. Ich könnte das nicht: Zu warten, bis das für alle sichtbare Buffet eröffnet wird, grenzt für mich an Folter. Wenn etwas da ist, muss ich es essen. Alles. Und. Sofort.
  • War am Freitag mit nem Kollegen beim All-you-can-eat-Buffet für 10 Euro beim Chinesen. Da man als Heim-Veganer auswärts so ziemlich alles essen darf, würde ich behaupten, allein an Nachtisch 10 Euro verfressen zu haben. Wird sind nach eineinviertel Stunden gegangen, einfach weil die Mittagspause schon längst vorbei war und mein Kollege mir die letzte halbe Stunde eh nur noch beim Eis essen zusehen durfte. Ansonsten hätte ich gleich wieder von vorne anfangen können.

Dazu in Kürze mehr.