Perfekte Welt trifft unperfekten Mensch

Die Welt, in der wir leben ist perfekter, als sich die Menschheit jemals hätte träumen lassen: Alles ist auf Knopfdruck verfügbar: Sex, Essen, Unterhaltung.

Leider sind wir Menschen nicht darauf vorbereitet. Wir sind es nicht gewohnt, in perfekten Lebensräumen aufzuwachsen. Wir Menschen sind Mangelwesen, die sich immer erst alles schwer verdienen müssen. Wir brauchen Entbehrung, Opfer, Anstrengung, um wachsen zu können. Wir brauchen schlimme Dinge, um die guten genießen zu können.

Vollwertige Ernährung ist für uns unnatürlich. Naturvölker ernähren sich heute noch im Wechsel zwischen Überversorgung und Unterversorgung. Naturvölker fressen bei jeder Gelegenheit so viel wie möglich. Kalorienzählen tun die bestimmt nicht. Die leben monatelang in Saus und Braus und anschließend wochenlang im Stadium der Unterernährung. Darum sind die auch nicht fett. Nicht weil die so ausgewogen und genau auf ihren Kalorienbedarf abgestimmt essen, sondern weil sie mal zu viel und mal zu wenig fressen.

„Wir“ hingegen machen alles richtig: Wir essen so lecker und nährstoffreich wie möglich. Wir bewegen uns so wenig wie möglich. Wir sitzen auf perfekten Bürostühlen, damit wir gar nicht merken, dass Sitzen für uns unnatürlich ist und unser Leben verkürzt. [Wer’s glaubt …] Besser wäre es, sich den unbequemsten Stuhl zu suchen. Dann würde man ganz von selbst nicht allzu lange darauf sitzen bleiben.

Wir parken unsere Autos immer möglichst nah am Eingang. Wir benutzen Rolltreppen, Fahrstühle, ja manchmal sogar Rollbänder. Wir fahren Bus und S-Bahn, statt mal zwanzig Minuten zu laufen. Wir verbringen den Großteil des Tages im Sitzen, einen weiteren Großteil im Liegen. Wir bezahlen Geld, um uns körperlich anstrengen zu dürfen. Menschen denken sich immer neue Maschinen aus, an denen wir Kalorien verbrennen dürfen.

Unsere Vorfahren hingegen waren den ganzen Tag unterwegs auf Nahrungssuche. Haben kilometerweite Strecken zurückgelegt. Dann entdeckten sie den Ackerbau und wurden sesshaft.

Wir leben in allen Belangen genau das Gegenteil von dem, was uns von der Evolution vorherbestimmt wurde. Die Welt um uns herum wurde innerhalb der letzten fünfzig Jahre so schnell so perfekt, dass wir da nicht wirklich mitgekommen sind. Möglicherweise haben wir jetzt so was wie einen toten Punkt erreicht, an dem dieses Innovations-Tempo einfach nicht mehr zu halten ist.

Diese „neue Welt“ ist gefährlicher als alle Zeiten zuvor, denn die Menschheit hat erreicht, wonach sie jahrtausendelang gestrebt hat: Eine Welt des Überflusses. Der kühnste Traum menschlicher Natur.

Das Blöde: In dieser Welt müssen wir permanent gegen unsere innerste Natur ankämpfen. Unsere Körper denken noch heute, dass hinter jeder Ecke der Hungertod auf uns wartet. Wir sind noch immer fress- und schwanzgesteuert. Und die Erfüllung all unserer Wünsche ist nur einen Smartphone-Bestell-Button entfernt. [Und dazu kommen auch noch all die ganzen Gutscheine!]

Für einige von uns wird es Zeit, dieser Welt „Adieu“ zu sagen. Sonst gehn wir in ihr unter.

Wer das versteht, kann überleben.

Der Rest von uns wird fett.

10 Kommentare zu „Perfekte Welt trifft unperfekten Mensch

  1. Du sprichst mir aus der Seele. Wieder einmal. Ersatzbefriedigungen wie fressen, saufen, hirnlos und ohne Maß konsumieren – wofür eigentlich ? An einer äußeren Not, an erkennbaren Mangel liegt es nicht. Fern scheinen die Zeiten, von denen meine Eltern erzählten, vom großen Hunger nach dem Krieg, von Knochenschwäche und harter Arbeit.

    Es ist etwas verloren gegangen, in der Zeit des äußeren Überflusses. Nie haben ich das so krass gespürt wie damals, als ich vom saufen lassen konnte. Es fehlte etwas, was trägt. ein Glaube, ein Sinn. Nicht etwas, was als Gedanke im Kopf hängen bleibt, sondern etwas, was das Herz erfüllt. Etwas, was trägt, etwas, was diese unsägliche Leere füllt, die zu spüren ist, wenn die Mittel der Wahl fort fallen.

    Darum sind uns auch Menschen aus anderen Kulturkreisen manchmal so unheimlich, weil sie dieses Etwas noch haben, sich bewahren konnten. Für mich weiß ich heute, Glaube kann mich tragen, ohne, dass ich in den Verdacht gerate, heilig gesprochen zu werden 😉

    Grüße !

    Gefällt 2 Personen

    1. Yo, und dann stell dir mal vor, du bist so’n gottloser Hund wie ich. Dann kannste nicht mal darauf bauen.
      Tja, warum werde ich nicht satt? Ich weiß warum: Weil wir Menschen gar nicht dazu gemacht sind, jemals mit irgendwas zufrieden zu sein. Die Unzufriedenheit ist unser stärkster Antrieb. Zur Verbesserung. Nietzsche hat das „Übermensch“ genannt: Der Mensch, der sich selbst zu verbessern sucht, um am Ende alles zu verbessern.
      Nur: Was bringt mir dieses Wissen? Trotzdem fehlen diese Highlights, diese Endorphin-Spitzen, die sich jeder auf die eigene Art zu verschaffen sucht. Die das Leben angeblich erst lebenswert machen.
      Dass das Leben keinen Sinn besitzt, ist mir auch schon seit Ewigkeiten klar. Aber ganz wichtig: Das Leben ist nicht sinn*los*, das Leben ist sinn*frei*. (Sonst wird man nur depressiv.)
      Trotz aller Genussfeindschaft scheint mir Hedonismus die Parole der Stunde: Genieße deine Zeit auf Erden, hab so viel Spaß wie möglich, ohne anderen auf die Füße zu treten und meide das fette Essen.
      Mehr steckt nicht dahinter.

      Gefällt 2 Personen

      1. Der Unterschied zwischen Sinn-frei und Sinn-los … muss ich mal drüber nachdenken. Vielleicht – Sinn-los initiiert, es gab mal etwas, was verlustig ging. Sinn-frei … da war nie etwas. So in der Art 😉

        Gefällt 1 Person

      2. Ich verweise an dieser Stelle auf den „Absurdismus“ [1]:
        „Absurdismus oder auch die Philosophie des Absurden in der Philosophie bezieht sich auf den Konflikt zwischen (1) der menschlichen Neigung, eine Erklärung und einen Sinn des Lebens zu suchen, und (2) der menschlichen Unfähigkeit, irgendwelche Bedeutung zu finden. Zumindest für den Menschen werden alle Bemühungen letztlich scheitern (und sind damit absurd), da kein solcher Sinn existiert – zumindest in Bezug auf die Menschheit. Das Wort absurd in diesem Zusammenhang bedeutet nicht „logisch unmöglich“, sondern „menschlich unmöglich“[1]. Absurdismus erklärt wie man reagieren soll, sobald man sich dieser Absurdität bewusst wird.“
        [1] https://de.wikipedia.org/wiki/Absurdismus
        @haimart

        Gefällt 1 Person

  2. Gottlos und dann noch nein zu Alkohol und maßvolles Essen. Lieber Fresssüchti, das klingt tatsächlich nach einem harten Leben. Aber da ist ja noch deine hoffentlich liebe Frau. Auch wenn Liebe ein hohes Gut ist, gewöhnt man sich schnell an sie. Trotzdem möchte man etwas besonderes erleben, auch mit dem Partner. Es ist der Hunger nach mehr.

    Leider ist mein Verstand zu klar, als dass es für mich einen Unterschied macht, ob etwas sinnlos oder sinnfrei ist. Es hat für mich auch keinen EInfluss ob das Glas halbvoll oder halb leer ist. Ich sehe das wissenschaftlich und es ist mit 250ml Flüssigkeit gefüllt. Hoffentlich mit etwas gutem Bier. Biologisch gesehen ist der Sinn des Lebens sich zu vermehren um seine eigenen Gene in die Welt zu tragen. Allerdings unterscheiden sich die Gene von menschlichen Individuen nur sehr gering. Die intraspezische Varianz beim Menschen liegt bei etwa 0,5%. Bei der sexuellen Fortpflanzung gibt ein jeder nur die Hälfte seines Erbgutes weiter. Das heißt wir müssen die ohnehin schon geringe Varianz durch 2 teilen.

    Zum Einen scheint der Aufwand extrem hoch und zum anderen auch nicht wirklich erheblich ob ich mich paare ode r jemand anders. Zudem ist es noch schlecht für die CO2 Billanz. Jeder Deutsche hat einen ökologischen Fußabdruck von 12,5 Tonnen CO2 pro Jahr. Bei einer Lebenserwartung von 82 Jahren sind das etwa 1025 Tonnen. Zur Verdeutlichung sollten wir die Zahlen in Bezug setzen. Ein Flug von Düsseldorf nach New York und zurück fallen laut Rechner bereits 3,65 Tonnen CO2 an. Für den Erhalt der deutschen Population muss jeder zwei Kinder haben. Also statt zwei Kinder kann mein lebenlang etwa 8x pro Jahr in die USA und zurück fliegen. Das ganze scheint nun also auch nicht so sinnvoll.

    Du rufst zum Hedonismus, zur Sinneslust auf. Ich bin leider etwas beschränkt, aber ich habe zunächst erst einmal einen Griechen mit Wein und dicken Fleiß im Kopf. Und dann je nach sexuellen Vorlieben ein Freudenmädchen oder Lustknaben. Wie soll also dein Hedonismus aussehen?

    Gefällt 1 Person

    1. Mein Hedonismus besteht ganz konkret aus Büchern, Videospielen, Filmen und Musik! Kein Streben nach höheren Weihen mehr. Keine Suche nach einem tieferen Sinn.
      Habe ich Zeit, gebe ich mich den Sachen hin, die mir am meisten Spaß machen. Die *mich* erfüllen. Wo *ich* sage: Da stecke ich gern meine Zeit rein.

      Gefällt 3 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s