Mein dünner Kollege

Mein Kollege wiegt 68 Kilo. Der Arsch. Kann essen, was er will. Ist froh, wenn er’s mal nach Weihnachten auf 69 Kilo bringt. Ständig frisst er Junk, isst am liebsten bei Nordsee oder im McDonald’s. Neuerdings scheint KFC das höchste der Gefühle. Trinkt zwar keinen Kaffee mehr, sondern Smoothies, ist aber trotzdem ein ganz netter Kerl. Muss wohl einen schnellen Stoffwechsel haben. Genetisch und so. Na ja, immerhin ist er nach dem ersten Bier besoffen. Dann kann man ihn nach eigener Aussage „wegschmeißen“. Sekt verträgt er auch nicht. Aber Schnaps. Mein Kollege schwört auf Schnaps. Und scharfe Saucen. Wie man so viel saufen kann wie ich, ist ihm unverständlich. Sein Bruder säuft auch so. Sein Bruder ist aber auch fett. Wir Fetten vertragen halt einfach mehr.

Ich könnte mir das so nicht erlauben. Ich meine: So zu essen wie mein Kollege. Doch halt: Wie isst mein Kollege wirklich? Wenn man mal so ganz richtig hinguckt? Kann der wirklich essen, was er will? So viel er will?

Nehmen wir die Pointe vorweg: Würde mein Kollege fressen wie ich oder im Kopf so ticken wie ich, wäre er fett. Schauen wir uns meinen Kollegen also etwas genauer an:

Behauptung 1: Mein Kollege kann essen, so viel er will, ohne fett zu werden

Stimmt. Mein Kollege isst, so viel er will. Warum ist er nicht fett? Mein Kollege isst einfach nicht viel. Kriegt einfach nicht mehr runter. Er isst eine Portion und ist voll. Er ist nach relativ wenig essen relativ voll. „Heute ess ich nichts mehr“, sagt er dann. Und ich glaube ihm.

Wenn mein Kollege Junk isst, so isst er eine Portion davon. Er ist eine Pizza-Tasche. Nicht drei. Oder fünf. Wenn’s ganz extrem kommt, isst er vielleicht im Laufe des Tages noch mal ein Bonbon. Ein Bonbon. Oder – wenn er mich beeindrucken will – auch mal drei (wir machen dann Witze, wie fett wir sind). Nicht zehn. Und dann noch mal zehn, weil’s ja eh egal ist, wenn man zehn Bonbons gegessen hat, ob man noch mal zehn Bonbons isst. [Merken Sie gerade, dass Ihr Gehirn Sie ganz schön verarscht?]

Dass man weiterfrisst, obwohl man satt ist, dürfte ihm fremd sein. So „Tricks“ wie auf Eis umsteigen, weil man keinen Bissen Herzhaftes mehr runterkriegt, sind ihm fremd.

[Ich kann unendlich viel Eis essen. Ich kann immer Eis essen. Zu jeder Tag- und Nachtzeit. Vor, nach und während des Essens. Dass es für mich als Kind normal war, elf Kugeln Stracciatella zu essen – mit Schokoladen-Sauce obendrauf -, ist meiner Frau unbegreiflich. Ich mein: Ein Becher Eis ist eine Portion – wen interessiert’s ob in dem Becher 100 Gramm oder ’n Kilo drin sind?]

Er würde niemals, nachdem er auf Eis umgestiegen ist, wieder zum Herzhaften zurückwechseln, weil ihm das Eis schon wieder hochkommt und anschließend wieder zurück zum Süßen (na, wie wär’s denn mal wieder mit Schokolade an dieser Stelle?). Den zweiten Magen, der einem beim Nachtisch wächst – bzw. den dritten, vierten Magen -, besitzt er nicht. Weiterzuessen, um den Geschmack vom letzten Essen wegzubekommen, dürfte er noch nie „erlebt“ haben.

Behauptung 2: Mein Kollege kann essen, was er will, ohne fett zu werden

Stimmt. Wie erwähnt: Wenn mein Kollege Junk isst, so isst er eine Portion Junk. Wenn er sich überfressen hat, isst er den ganzen Tag nichts mehr. Ganz genau betrachtet, isst mein Kollege auch nicht ständig Junk. Er isst hin und wieder mal Junk. Dann aber richtigen Junk. Sachen, die man eigentlich nicht essen sollte. Sachen ohne jeden Nährwert. In der Regel Zeug vom Bäcker. Wo jeder die Nase rümpfen würde, würde eine fette Person so etwas in sich reinstopfen. „Kein Wunder, bist du so fett“, sagen sie dann. Oder denken es zumindest. Mein Kollege ist nicht fett, also darf er so was essen.

Schaue ich mir so insgesamt an, was mein Kollege isst, würde ich sagen, er isst weder besonders gesund noch besonders ungesund. Nennen wir’s mal: Er ernährt sich mehr oder weniger normal mit der Tendenz zu gelegentlichem Junk.

Erkenntnis 1: Würde ich essen wie mein Kollege …

… wäre ich nicht fett. Auch wenn mein Kollege sich nicht besonders „gut“ ernährt, so nimmt er doch auf jeden Fall weniger Kalorien zu sich als ich es tue. Ich mein: Man kann sich auch mit gesunden Sachen fettfressen. Kommen wir zu einer unangenehmen Wahrheit:

Erkenntnis 2: Hat mein Kollege in der Genetik-Lotterie gewonnen?

Ja, auch. Aber nicht nur: Mit Sicherheit besitzt mein Kollege einen „besseren“ Stoffwechsel als ich. Das ist aber gar nicht der Punkt: Er isst einfach weniger. Er ist schneller satt. Er ist von weniger Essen schneller satt. Sein Verlangen nach Essen ist nicht ausgeartet. Und das wird es auch aller Voraussicht nach nicht mehr (ich kenne meinen Kollegen schon ziemlich lange). Das ist sein Vorteil. Ob das angeboren ist oder nicht sei jetzt mal dahingestellt.

Fazit

Es gibt alle möglichen Gründe, warum ein Fress-Verhalten außer Kontrolle gerät. Diese dürften aber eher psychischer Art sein. Mein Kollege tickt körperlich und psychisch dünn. Ich ticke körperlich eher „etwas dick“ (vom Stoffwechsel her) und psychisch wie ein unersättlicher Monster-Fettsack. Von der Psyche her werde ich mein Leben irgendwann als ans Bett gefesselter Fetthaufen verbringen, wenn ich so weiterfresse (da, wo in dem Haufen Schwabbel der Kopf rausguckt, wäre oben).

Und dazu will ich es nicht kommen lassen.

11 Kommentare zu „Mein dünner Kollege

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