Der Leistung neue Kleider

Vom kämpfen, kämpfen, kämpfen …

Ein Stück Prominenz verstirbt und sie sagen: „Er hat bis zum Schluss gekämpft“, „Er war ein Kämpfer“, „Er hat gekämpft, gekämpft, gekämpft … er war ein Kämpfer …“

Wenn ich mal sterbe, soll da stehen „Er lebte sein Leben“, „Er lebte“, „Er starb“.

Nein, das ist „den Leuten“ nicht genug: Selbst im Sterben müssen wir noch Leistung bringen. Kämpfen. Es reicht nicht, einfach zu sterben, so wie es eigentlich das Normalste auf der Welt sein sollte. Immer sollen wir kämpfen, kämpfen, kämpfen. Leiden, leiden, leiden. Ach lasst mich doch in Ruhe.

Seid doch einfach froh, dass ihr nicht mehr leiden müsst. Wozu Leute stellvertretend für sich leiden lassen? Das Leben ist oftmals schon beschissen genug. Ganz ohne Luxus-Leiden, Luxus-Quälen.

Ich glaube, wir sollen alle so viel kämpfen, kämpfen, kämpfen, damit keiner auf den Gedanken kommt, das kleine Kind zu werden, das mit ner Nadel diesen Riesenballon unserer überflüssigen Anstrengungen zerplatzen lässt. Die Welt ist ein riesengroßer Fake, in dem es nichts mehr zu gewinnen gibt. Es wär genug für alle da, nur gibt man es den Leuten nicht. Stattdessen bläst man diesen Riesenballon der „Leistung“ auf.

Keiner müsste mehr.

Doch jeder tut so.

Weil die Welt ihn halt zwingt.

Und wir, die auf der Sonnenseite des Ballons leben, tun auch noch so, als glaubten wir an ihn. Wir halten ihn am Leben. Weil wir von ihm abhängig sind.

Ich genau so.

Wo bleibt er, der große Knall? Wird der Ballon zerplatzen?

Ich hoffe nicht.

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Cellulite ist sexy: Think I lost my ass in Texas

Sie kennen doch bestimmt das Gefühl, wenn die Hose rutscht. Wir greifen sie dann über den vorderen Hosentaschen und ziehen sie einfach hoch.

Aber kennen Sie das Gefühl, wenn die Hose nur hinten rutscht?

Ich bislang nicht. Und das ist verdammt lästig. Weil: Sobald sie die hinten wieder hochgezogen haben, ist die schon wieder unten. Außerdem sieht man damit gleich wieder aus wie’n Idiot: Sich ständig die Hose hochziehen zu müssen ist so ne typische Idioten-Bewegung.

Es ist außerdem ne typische Fettarsch-Bewegung: Wer kennt sie nicht, die Kerle, die ständig ihre Hose hochziehen müssen, weil ihnen ihr fetter Hintern oben drüber quillt? Fachleute sprechen auch vom „Maurer-Dekollete“.

Ich habe also offenbar offiziell keinen Arsch mehr in der Hose. n Kerl ohne Bauch is schon n Krüppel. Aber ohne Arsch? Ich bin also der Ober-Krüppel.

Eigentlich wollte ich mal berichten, wie sich dreißig Kilo weniger so hauttechnisch anfühlen. Eigentlich wollte ich angeben, dass man sich da keine Gedanken machen muss und bei dreißig Kilo minus noch keine Hautlappen runterhängen.

Wenn da nicht: Ja wenn da nicht meine Hand mal auf meinen Arsch gefallen wäre und sich mein Hintern nicht angefühlt hätte wie ne Krater-Landschaft.

Aber ich kann Sie beruhigen: Mein Arsch war schon vorher ne Kraterlandschaft. Das, was die Mädels gern als „Cellulite“ beschreiben und wo ganze Schlangenöl-Industriezweige existieren, die einem angeblich was dagegen anbieten können.

Mädels: Den ganzen Scheiß gegen Cellulite könnt ihr euch schenken. Cellulite ist nämlich „real“.

Cellulite ist das untrügliche Zeichen, dass wir es mit echten Menschen zu tun haben. Nicht mit irgendwelchen photogeshopten Personen. Cellulite zeigt uns, dass wir es mit echten Mädels aus dem echten Leben zu tun haben. Das ist nichts mit Hochglanz-Fake, das ist echte Welt. Normale Welt. Erreichbare Welt: Mädels ohne Cellulite sind photogeshopt und für so Prolls wie uns unerreichbar. Mädels mit Cellulite sind normale Welt und für uns erreichbar.

Ist das nicht sexy?

Heck, wen zum Teufel interessiert überhaupt Cellulite? Als ich als Kind zum Abspecken in Kur war, gab es dort dreizehnjährige Jungs, die hatten das ganze Bein Cellulite.

Cellulite ist Volkssport.

Ich habe also einen faltigen Arsch. Und Sie so?

Abstinent. Warum?

Da hocken sie. Aschen stilecht inne leere Dose „Stephans Bräu“ und ich erinnere mich:

Genau meine Marke.

Wozu noch mal mache ich das Ganze hier?

Ich bin jetzt im sechsten Monat. Abstinent. Kein Allohol. Und so langsam habe ich vergessen, warum ich das mache. Die meisten Eltern haben ihre kleinen schmutzigen Helfer. Neulich kam mir ein Psychiater zu Ohren, der auf die Frage, wie er das damals mit der Praxis und mit Kindern überhaupt durchhalten konnte. Besagter Psychiater verwies auf seinen gut gefüllten Medikamenten-Schrank. Und ja, ich gestehe: Saufen macht das Leben erträglicher. Im Suff sind alle Frauen schön. Und auch das beschissenste Leben kann man sich schön saufen, schätze ich. Wobei: So schlimm sind meine Leute jetzt nicht, dass sie mich in jeder Sekunde in den Wahnsinn treiben.

Irgendwann merkte ich aber, dass der Suff am Wochenende und der gepflegte Feierabend-Liter, am liebsten zu ner DVD, die einzigen Highlights meines Lebens waren und ich mich irgendwann nur noch von Suff zu Suff hangelte. Der Alkohol nahm einen größeren Platz ein, als er es eigentlich sollte. Einen „ungesunden“ Platz. Und außerdem: Er machte mich fett.

Mittlerweile lache ich drüber, wenn die Kinder mal wieder durchdrehen und sich aufführen wie die verzogensten Gören der Welt. Die Tochter wird prepubertär, schreit immer gleich rum. Ich muss schmunzeln. Gleichzeitig denke ich: Meine arme Frau. Die kann da nämlich nicht drüber lachen. Ich auch nicht immer. Fände ich auch falsch. Doch eigentlich: Wer Kinder kriegt, sollte sich genau auf so was einstellen. Ist doch klar, dass Kinder so werden. So sind. Alle Kinder sind so. Ja, auch die armen Kinder in Afrika.

Würde man uns zehn Minuten später aufm Spielplatz sehen, würde man denken, wir sind die glücklichste Familie der Welt.

Oh nein! Das sind wir ganz bestimmt nicht!

Und auch die anderen Familien, die so harmonisch und perfekt und glücklich wirken: Fragt lieber nicht, welche Kämpfe die am selben Tag bereits hinter sich haben!

Es ist immer die Frage, wie etwas nach außen hin aussieht und was dahintersteckt.

Da hilft leider auch kein Alk.

Ich geh jetzt laufen: Das hilft immer.

Vollgefressen Joggen gehen

Vollgefressen Joggen gehen. Das ist wie besoffen Auto fahren. Kann klappen. Kann aber auch zu Unfällen führen. Andersrum isses kein Problem: Vollgefressen Auto fahren. Check. Besoffen Joggen gehen. Check. Auch schon gemacht: Erst die Frau beim Filmabend untern Tisch gesoffen und dann, weil der Abend noch so jung war, noch schnell ne Runde gedreht. Chips hatte es auch noch gegeben. Lagen die beim Laufen schwer im Magen? Ich weiß es nicht mehr.

Die letzten Abende war ich jedes Mal vollgefressen. Fange grad an, jeden Tag zu laufen. Wegen meines neuen Fressplans bin ich jetzt den ganzen Tag über noch vollgefressener. Da isses auch ganz egal, ob ich noch ne Stunde warte. Vollgefressen Laufen ist aktueller Normalzustand. Ich denk da jedes Mal: „Dieses Mal scheißt du dir ganz sicher in deine wunderschöne Laufhose.“ Wenn ich sichergehen will, gehe ich vorher nochmal aufs Klo. Wenn was kommt, is gut. Wenn nichts kommt, is auch gut. Ich muss dann nicht wirklich.

Und los geht’s.

Immer  witzig, wie einem alle Passanten prophylaktisch ausweichen, wennse einen angetrabt hören. Muss wohl daran liegen, dass es dunkel ist. Sogar Rotten von Jugendlichen mit Anpöbel- und Gewalt-Potential machen mir vorauseilend Platz. Oder ich krieg von den Pöbeleien nichts mit, weil ich eh meine Musik an hab.

Hab anfangs gedacht, es sei ne schlechte Idee, beim Laufen im Dunkeln Musik zu hören. Hab’s am Anfang mit nur einem Kopfhörer versucht. Aber finstere Nächte scheinen mir ein Gerücht aus längst vergangenen Zeiten zu sein: In meinen Häuserblöcken ist es immer hell.

Es zeigt sich mal wieder: „Listen to your body“ ist esoterischer Bull. Unser Körper ist ein faules Stück. Der will nicht laufen. Der will nicht pumpen. Der will faul sein. Rumliegen. Sich von DVDs berieseln lassen.

Kann er ja gern versuchen. Aber er muss es sich zuerst verdienen.

Wer denkt, Saufen und Junkfood seien keine gute Laufgrundlage:

Versuch macht kluch.

Meine Motivation heißt Demotivation

Läuft bei mir: Das Mehr an Kalorien und das dicke Mehr an Protein zeigen ihre Wirkung: Konnte mich die letzten paar Trainings jedes Mal steigern. Mehr, als mir das im Normalfall gelingt. Muss aber noch nichts heißen. Da hilft nur: Weiter beobachten.

Was sich auf den ersten Blick gut anhört, hat natürlich leider auch seine Schattenseite: Mehr Energie = Mehr Leistung = Mehr Anstrengung = Mehr Erschöpfung = Mehr Müdigkeit. Wer denkt, das Training wird irgendwie ein Spaziergang, weil man ja stärker wird: Das Gegenteil ist der Fall: Das Training wird immer anstrengender.

Aber wir wollen uns hier nicht beschweren: Je schwerer es wird, desto mehr Fortschritt hat man gemacht. Erweisen wir uns würdig. Augen zu und durch!

Diese Erschöpfung schlägt auch auf die Psyche: Der Körper hat keine Lust auf diese immer größer werdende Anstrengung. Dementsprechend sinkt auch die Motivation. Heute hatte ich zum ersten Mal wieder so was von kein Bock auf Training, dazu noch dieser Druck der konstanten Leistungssteigerung in den letzten Trainings, beschissen geschlafen hatte ich auch noch und dann war mein Sohn auch noch früher wach als sonst.

Die Welt war gegen mich. Ich hatte keine Lust.

Auf eines hatte ich noch weniger Lust:

Darauf, keine Lust zu haben.

Ich hatte keine Lust auf Demotivation. Ich wollte es der Demotivation zeigen, was sie mich mal kann. Ich würde ins Training gehen und mir den Arsch aufreißen. Drauf geschissen, ob ich meine Leistung weiterhin steigern konnte oder ob bereits „wieder“ „alles“ „vorbei war“.

Ich war also bereit. Ich war bereit unterzugehen. Meine Schritte wurden schneller. Zeit, die Scheiße hinter sich zu bringen. Ich ging ins Training …

… und konnte mich wieder steigern. Nichts war mehr übrig von der Demotivation. Ich hatte sie in Trümmern auf der Strecke zum Gym zurückgelassen. Sie lagen irgendwo draußen vor den heiligen Hallen. Die Straßenmeisterei würde sie mittlerweile bestimmt weggekehrt haben.

Was wir daraus lernen:

„Listen to your Body“ ist Bullshit. Na, jedenfalls meistens. Unser Körper ist der Letzte, dem wir was das Training betrifft trauen dürfen. Denn unser Körper will Training meistens schlichtweg vermeiden. Dazu wendet er Tricks an. Wir fühlen uns schlechter und schwächer, als wir eigentlich sind. Manche nennen es „Komfortzone“. Diese gilt es zu verlassen.

Wer immer höhere Gewichte stemmen will, muss immer höhere Gewichte stemmen.

Wer immer mehr Wiederholungen schaffen will, muss immer mehr Wiederholungen machen.

Wer Klimmzüge machen will, muss Klimmzüge machen.

Anders funktioniert es nicht.

Was du erreichen willst, musst du machen. Bis du es erreicht hast.

Mache Sie Diät? Aber Sie sind eine Mann!

Andere Länder, andere Sitten: Einkaufen. In einem Laden, in dem ich seit fast einem Jahr nicht mehr war. In einem Laden, den ich beim letzten Mal mit 100 Kilo plus betreten habe. Wir erinnern uns: 100+ > 70+.

Verkäuferin: „Mache Sie Diät?“

Ich: „Mh.“

V: „Aber Sie sind eine Mann!“

I: „Mh.“

V: „Isse nix gut, Diät, wenn man so dünn wird …“

I: „Mh, … kommt halt drauf an, wie schnell man …“

V: „Bei Frau, immer schöne Figur …“ Sie verdreht die Augen.

I: „Mh, … is doch Blödsinn.“

V: „Ja, isse Blödsinn.“ Strahlendes Lächeln.

Ich  zahle und gehe: „Schöne Woche noch.“

V: „Ja, schöne Woche noch.“ Sie strahlt noch immer.

Mein Satz, dass es Blödsinn sei, bei den Mädels so ’n Aufhebens um die „schöne Figur“ zu machen, scheint ihr gefallen zu haben. Schön, wenn man Menschen so leicht eine Freude machen kann. Nur: Dass in anderen Ländern Kerle keine Diäten machen, darüber muss ich erstmal nachdenken. Mein Kollege ist auch nicht grad der schmalste.

Zuhause kommt mir die Nachbarin entgegen: „Hast dich ja echt halbiert. Steht dir.“ Sagt’s und entschwindet.

„Mh“, sage ich und freue mich.

Aber die Freude hab ich mir selbst gemacht.

Sex oder Smartphone

Wie viel weniger Sex haben die Menschen wohl, weil es diese blöden Smartphones gibt? Gibt es da schon diesen berühmten Knick in der Geburtenrate? Den Smartphone-Knick? Pillen-Knick/Smartphone-Knick?

Smartphones sind doch scheiße: Der Großteil der Welt besteht aus Smombies. Sie rauben uns die Aufmerksamkeit. Entführen uns aus dem Hier und Jetzt.

Und sie lassen uns weniger Sex haben.

Bin ich mir sicher.

Weg damit!