Na toll: Der Sommer ist da und ich bin immer noch fett

Wie dachte ich zu Beginn des Jahres:

… das ist bis März eh wieder alles runter.

Berühmte letzte Worte. Jetzt ist März und ich seh aus wie n Weichtier.

Wie kann das sein? Ich ernähre mich doch nur noch von Gras und Wasser

Nö, Kamerad, tust du eben nicht. Du bist die ganze Zeit am Feiern und am Fressen und am Saufen (und viel zu selten am Ficken – Corona is schuld). Was ja auch eigentlich gut ist. Glückwunsch! Genau so sollte man es eigentlich machen. Nur die paar Kilo, die du dir Weihnachten angefressen hast – die kriegst damit halt nicht so schnell wieder runter.

Musst dich halt entscheiden: Weiter Feiern und Fressen, oder rumlaufen wie n junger Van Damme.

Alles in mir schreit nach ersterem: Wenn’s nach mir ginge, würde man nichts anderes als Bier trinken. Jeden Tag. Den ganzen Tag.

(Und jeden Tag wär n Death Metal Konzert.)

Nur leider macht das Zeug mich fett, weich und schwabbelig. Und süchtig macht’s auch irgendwann. Und schlafen tut man davon auch nicht so gut. Und Blähungen krieg ich auch noch, wenn die Hefe im Magen gärt und blubbert. Fragt am besten gar nicht erst nach Biergarten-Saison.

Und Laufen war ich auch schon ewig nicht mehr.

Tja, klassischer Fall von „wohl noch nicht die Kurve gekriegt, was?“

Nö, is schon okay so: Es ist gibt eine Zeit zum Feiern und es gibt eine Zeit für Askese. Und ich stecke grad in ersterer fest und fühle mich pudelwohl dabei. Darf gern noch ne Weile so weitergehen.

Auch mit n paar Kilo mehr.

heaviermetal

It’s as simple as that, wie der Lateiner sagt.

Cheers!

Zucker – it’s my wife and it’s my life

Am 6. März war Tag des Zahnarztes. Liebe Zahnärzte und -ärztinnen:

You can’t help me not you guys
All you sweet girls with all your sweet talk
Lou Reed – Heroin

Da hocke ich wieder auf Arbeit und dope mich hoch mit Zucker und Koffein. Es beginnt genau wie damals: Hm, diese Kaubonbons und dazu Kaffee. Das harte Zeug. So schwarz wie möglich. Das nächste Stadium – das Endstadium – wäre, das Wasser auch noch wegzulassen. Ich bin so wach, im Mund diesen wunderbaren süßen Geschmack und dann erst diese Konsistenz …

Ich sach euch: Da forschen die dran. Die Schweine. Die Schweine aus der Süßigkeiten-Industrie. Die wollen uns mit Reizen ködern, derer wir uns nicht mal bewusst sind. Sah vor Jahrzehnten mal ne Doku über Schokolade. Wenn man Schokolade lutscht, fängt die im Hals an zu kratzen. Scheint niemandem außer mir aufzufallen. Das ist ein Inhaltsstoff. Die forschen an diesem Stoff. An diesem Kratzen. Damit wir noch mehr Schokolade in uns reinstopfen.

Genau so diese Kaubonbons: Wenn man da draufbeißt, dann sind die hart. Aber nicht ganz so hart. Genau richtig hart. Und wenn man die zerbeißt, werden die weicher. Gibt’s dafür eine Maßeinheit? Eine Maßeinheit für Bisshärte?

Keine Ahnung. Ich befinde mich im Delirium. Dem Delirium der Wachheit und den orgiastischen Geschmacks-Feuerwerken elenden Zuckerwerkes. Dass ich möglicherweise wieder abrutsche, genau wie damals, macht die Sache nur noch verführerischer: Dieser Rausch der Gefahr, des Abrutschens. Der Selbstzerstörung. Nietzsche geht mir durch den Sinn. Die kreative Zerstörung. Die kreative Selbstzerstörung?


Boah, manchmal glaube ich, mein Kopf ist auto-aggressiv. Der schüttet immer so Lusthormome aus, wenn ich mich selbst kaputtmache oder mir schade. Sollte mal in Behandlung gehen.

Ach übrigens: Mein „Delirium“ ist nichts Dämmeriges, nichts, was mich runterzieht oder mich Visionen haben lässt. Ich bin einfach nur leicht gepusht und ausnahmsweise mal nicht müde. Keine Ahnung, was Sie erwartet haben.

Muss da grad an die Anti-Depressiva denken, die ich mal ne Weile genommen habe. Wollen Sie wissen, wie sich Anti-Depressiva anfühlen?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich da für alle spreche. Wahrscheinlich eher nicht. Aber, als ich Anti-Depressiva nahm, fühlte ich mich …

… zum allerersten Mal in meinem Leben …

… einfach nur klar im Kopf.

Ich konnte klar denken.

Ja, das war schon alles.

Und was sagt mir das jetzt?


P. S.: Komme grad zum vierten Mal von der Bonbon-Schale. Dachte, die leckeren Bonbons hätte ich jetzt bald alle auf. Doch nein: Was erscheint unter den Bonbons, die keiner inna Firma essen will? Eine noch viel größere Schicht der Bonbons, die ich so vehement in mich reinschaufle. Es ist wie auf Öl stoßen.

P. P. S.: Und ich weiß das jetzt. Und ich weiß das morgen auch noch.

P. P. P. S.: Life’s a bitch …

P. P. P. P. S.: Ich leb hier den Exzess, damit ihr es nicht müsst …

Nachholbedarf?

Keine Ahnung, ob einen das ganze Gesaufe zum harten Dreckskerl macht oder unter den Begriff „Römische Dekadenz“ fällt. Komm mir fast vor so n typischer Sechzigjähriger, der „es noch mal wissen will“ und anfängt, Triathlon zu machen. Voll peinlich so was.

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Seit ich mir Zeuch reinknalle, das ich mir früher niemals reingeknallt hätte, habe ich das Gefühl, zum ersten Mal überhaupt wirklich zu leben. Nun, jetzt wo die Kinder aus dem Gröbsten raus sind kann man sich wieder ins Leben stürzen.

Am nächsten Morgen auf dem Weg zur Arbeit nach so ner schönen harten Party trage ich immer dieses leichte Lächeln auf den Lippen – möglicherweise noch bedröhnt vom Restalkohol – und denke mir: Jeder, der dir entgegen kommt, könnte jemand zum mit feiern sein.

Und wer feiert denn nicht gerne? Der Mensch ist halt ein soziales Wesen. Ich merk das grade immer mehr.


Ich war das die meiste Zeit meines Lebens nicht. Eher genau das Gegenteil: Menschen? Kann ich nichts mit anfangen. Lass mich bloß in Ruhe mit Menschen. Paar schlechte Erfahrungen gemacht. Hab dann irgendwann mal festgestellt, dass ich mit Smalltalk nichts anfangen kann. Vollkommen Smalltalk-unfähig bin. Und das, wo ich von „Smalltalkern“ umgeben bin.

Hab mich also mal schlau gemacht über die „Kunst“ des Small-Talks. Wenn Sie also genug von diesem betretenen Schweigen haben, sich unter Menschen immer so verloren fühlen, probieren Sie mal Folgendes aus:

Fragen Sie einfach mal jemanden nach seiner Lebensgeschichte aus: Wo kommst du her? Wo habt ihr euch kennengelernt? Irgendwie so was. Sie werden feststellen – so wie ich – dass die besten Geschichten noch immer das Leben schreibt. So abgedroschen das klingen mag.

Als ich das zum ersten Mal auf ner Fete gemacht habe, hatte ich einen der besten Abende meines Lebens. Okay, der Typ war Witwer, nicht ganz das Thema für einen leichten, lustigen Abend. Interessant war’s trotzdem. Anschließend hat der mich zum Grillen eingeladen. Kein Witz! Und der Bier-Vorrat für die Party war danach auch alle.

Nichts ist spannender als Realität, schätze ich.

Trinke, was klar ist. Rede, was wahr ist. Rauche, was da ist. Mein Leben als Party-Magnet.

Egal, wo die Party steigt: Sie findet mich.

Ich weiß jetzt wieder, warum ich übern Jahr lang Abstinenzler war:

Fange ich einmal an zu feiern, höre ich nicht mehr auf. Wie bei allem, irgendwie.

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Meine Woche:

  • Mittwoch: Bis morgens halb vier mit dem Azubi geraucht und gesoffen. Am späten Abend Kopfschütteln meines „Begleiters“, da ich zwei Kinder habe und man darum und in meinem Alter wohl nicht mehr so feiert. Er „musste“ schließlich ins Bett, ich trank noch aus, ging heim und frönte noch ein paar Stunden dem Videospiele. „Mein Fluch“ schlug wieder zu und der Azubi kam am nächsten Tag zu spät zur Arbeit. Ich bin übrigens Nichtraucher.
  • Donnerstag: Früh schlafen gegangen.
  • Freitag: Besuch beim Schwager. Geraucht, gesoffen und gekifft. Er und sein Mitbewohner waren gegen zwölfe bereit fürs Bett. Nun ja, ging ich halt auch schlafen. Was blieb mir auch anderes übrig? Ich bin übrigens Nichtkiffer.
  • Samstag: Besuch bei den Schwiegereltern. Gingen Essen. Zum „Frühstück“ gab’s: n paar Hefeweizen und n paar Uozo. Ich bin übrigens Nichtfrühstücker.
  • Sonntag: Daheim mit der Frau. Abends erst mal schön ne Flasche Sekt.

Wollte eigentlich nen Ruhigen machen, übermorgen spielt allerdings meine Lieblingsband hier in der Gegend. Will gar nicht wissen, wo ich wieder landen werde.

Bevor hier jemand denkt, ich will mich wegen irgendwas beschweren: Nein, nein – das war die beste Woche meines Lebens!

Mal wieder.

Mein Freund der Reichsbürger

Beim Kumpel.

„Hier, guck mal.“ Breites Grinsen, Schluck aus der Bierflasche. Er reicht mir einen Zeitungsartikel.

„Wasn das?“ Ich überfliege:

… polizeibekannter Reichsbürger … GEZ-Gebühren-Schulden … zum wiederholten Male… Polizei-Einsatz … Schüsse durch Wohnungstür … etc. etc.

„Und?“

„Kommste nich drauf, wer das ist …“

Bäng!

Doch nicht etwa …

Doch.

Hätte mir gleich verdächtig vorkommen sollen, als mich die komplette Familie – Vater, Mutter und zwei Kinder – bei meinem letzten Besuch davon zu überzeugen versuchten, dass der neue fünf Euro Schein voller Hakenkreuze ist.

Ts, Sachen gibt’s.


Der Bruder des Reichsbügers ist einer meiner ältesten Kumpels. Seit dem letzten „Staatsbesuch“ ist der Reichsbürger bettlägerig, sagt man. Kein Spaß. Und das mit Mitte vierzig. War die letzten Jahre eh schon zu Hause. Arbeitsunfähig. n Haufen Allergien und so. Und das als Selbständiger. Hat sich danach noch ehrenamtlich engagiert. Ging dann später auch nicht mehr.

Erinnere mich noch daran, wie mir die Frau des Reichsbürgers erzählte, wie sie mittlerweile immer Pfefferspray und Teleskop-Stock dabei hat, wenn sie nachts los muss. Ware ausliefern. Muss im Stockdunkeln ihren Wagen beladen. Ist schon mal „komischen Leuten“ begegnet, während sie so einlud. Darum konnte die auch all die Jahre nicht mitfeiern, wenn wir beim Reichsbürger immer zum Saufen beisammen saßen.

Der Bruder des Reichsbürgers ist ebenfalls arbeitsunfähig. Hat sich den Rücken verhoben. Mehrmals. Bis ihm irgendso n Zeugs aus dem Rücken gelaufen kam. Seitdem hockt der zu Hause, kotzt sich über seine Ex-Frau aus und verkracht sich mit den besten Kumpels, die er jemals hatte. Hat ne Umschulung gemacht, arbeitet wieder, tut ihm gut.


Der Begriff „Besorgte Bürger“ geht mir durch den Kopf. Dies hier sind die Menschen, über die man wohl in keiner Zeitung liest. Das ist die kleine, finstre Welt, aus der ich komme.

Bin ich froh, dass ich dort weg bin.

Ralf der Erste

Wir werden alle sterben, jeder von uns, was für ein Zirkus! Das alleine sollte uns dazu bringen, uns zu lieben, aber das tut es nicht. Wir werden terrorisiert von Kleinigkeiten, zerfressen von gar nichts.
Charles Bukowski

Als ich fünfzehn war, wechselte ich die Schule. Ich hatte genug von den Spasten aufm Gymnasium. Die Sommerferien hatte ich mit meinen früheren, echten Kumpels verbracht. „Wir“ hatten beschlossen, dass ich nach den Ferien zu ihnen in die Klasse auf die Realschule wechseln würde. Meine Mutter war natürlich alles andere als begeistert: Sie wäre froh gewesen, hätte sie das Zeug fürs Gymnasium gehabt. Meine Mutter denkt bis heute, dass mir alles einfach so zugeflogen kommt. Ja, daran erkennen Sie die wahren Profis: Bei ihnen sieht das immer so leicht aus. Da ich die Schule aber eh schon ne ganze Weile schwänzte – ja, so schlimm war das damals -, hatte sie eh keine andere Wahl.

Und so traf ich Ralf.

Ralf war auch neu. Ralf war vor ein paar Jahren aus Berlin hergezogen. Oh, der Duft der Großstadt. Der großen weiten Welt. Hier in diesem Scheißkaff. Ralf ging zwar nicht in die selbe Klasse wie ich, da wir aber beide am Tag der Einschulung neu waren, mussten wir noch unsere Wahlpflichtkurse (WPKs) wählen. An anderen Schulen nennt man so was „AG“ (Arbeitsgruppe). Da alle anderen Schüler bereits im vorherigen Schuljahr ihre WPKs gewählt hatten, mussten Ralf und ich das nehmen, was halt übrig war und so landeten wir in zwei WPKs, die für „Außenstehende“ auf den ersten Blick etwas „widersprüchlich“ aussehen könnten.

Sagen wir mal so: Wir hatten den Nerd-Kurs (Frauen-Quote: 0,1 %). Und wir hatten den Kreativ-Kurs (Männer-Quote: 0,1 % – Ralf und ich). Ralf und ich waren kreative Nerds. Zufälligerweise entsprach einer der WPKs meinem lebenslangen Traumberuf. Bis heute. Ich konnte mich also glücklich schätzen. Auch wenn Ralf der Bessere von uns war. Eigentlich war das ziemlich unfair, denn sein Talent bedeutete Ralf nichts.

Ralf war das dickste Kind, das ich jemals getroffen hatte. Er redete nicht viel. Und wenn er redete, stotterte er meistens. Er müffelte ein bisschen. Er hatte diesen stechenden Blick. Er hatte dieses gehemmte Lachen. Es war nicht mal ein Lachen. Mehr so ein unkontrolliertes Schnaufen.

Ralf malte gerne: Mit Vorliebe Totenköpfe, denen das Hirn aus der aufgesägten Schädeldecke quillte. Messer durften nicht fehlen. Ein Mädel aus seiner Klasse stand drauf, wie sie mir auf der Abschlussfeier erklärte. Dabei malte Ralf eigentlich gar nicht so wirklich gut. Ich glaub, was das Malen betrifft, war ich der Bessere.

Ralf war ein paar mal auf dem Gymnasium sitzengeblieben, bevor er auf die Realschule wechselte. Er war der erste in meinem Freundeskreis, der Auto fahren durfte. Und Ralf fuhr wie ein Gestörter: Als er mich mal zu Hause abgesetzt hatte, legte er einen Burnout hin, der mich um seine Reifen fürchten ließ. Gefühlt hatte Ralf seine Reifen bis vor seine Haustür durchdrehen lassen.


Eigentlich war Ralf ein astreiner Psycho. Einer der Sorte, von dem man Jahre später in den Nachrichten hören würde, dass er zwanzig Frauen umgebracht hatte: Wenn ich ihn zum Lachen brachte, fing Ralf irgendwann an, mich zu schlagen. Wenn er einem den Ball zuwerfen sollte, warf er einem das Ding grundsätzlich mit voller Wucht ins Gesicht. Mit völlig teilnahmsloser Miene.

Ralf war Senna-Fan. Formel 1 war sein Ding. Der Tod von Senna nahm ihn Jahre danach noch mit. Es war das einzige Mal, dass Ralf so etwas wie eine Gefühlsregung zeigte, als ich ihn auf das Senna-Poster an seiner Zimmertür ansprach.

Als wir mal per PC-Netzwerk ein Autorennen spielten und meine Karre längst an der Startlinie stand, bastelte Ralf mindestens zwanzig Minuten an seinem Auto-Setup rum. Beim Start hängte er mich so was von ab, dabei konnte man doch nichts anderes machen als Gas geben? Scheiße, Ralf: Was war dein Geheimnis?

Ralfs Mutter war Ärztin. Mit eigener Praxis. Viel Zeit schien sie nicht für ihren Sohn zu haben. Ich habe sie nie gesehen. Wenn ich meiner Mutter glauben durfte, war sie noch dicker als Ralf. Dass Ralfs Mutter so dick war, war auch das Einzige, was immer zur Sprache kam, wenn ich Ralf besuchte. „Die Mutter ist doch so dick.“ Keine Ahnung, Mam, ich hab sie nie gesehn.


Ich dürfte der einzige Mensch gewesen sein, der Ralf zu Hause besuchte. Ich dürfte der einzige Mensch gewesen sein, der Zeit mit Ralf verbrachte. Nie werde ich den verdutzten Blick des Großvaters vergessen, als er kurz ins Zimmer kam und da tatsächlich jemanden mit Ralf zusammenhocken sah. Da Ralfs Mutter so schwer beschäftigt war und ich über Ralfs Vater nie irgendwas gehört hatte, wurde Ralf scheinbar von seinen Großeltern großgezogen. Sie schienen ganz nett zu sein – auch wenn ich Ralfs Oma nie zu Gesicht bekam.

Die Freude des Großvaters hielt leider nicht lange an: Damals hab ich noch geraucht und nachdem ich draußen auf Ralfs riesigem Balkon eine geraucht hatte und den Geruch mit mir ins Zimmer trug, wurde der Großvater kurz darauf fuchsteufelswild, als er noch mal reinkam und den Zigarettenqualm roch. Ich hab ihm bestimmt fünf Mal versichert, dass Ralf nicht rauchte – Ralf und rauchen … ich bitte euch: Ralf hasste das Rauchen -, ob er mir glaubte: Ich weiß es nicht. Da war er: Der personifizierte schlechte Einfluss, vor dem Ralf geschützt werden musste! In Form eines Jugendlichen, der draußen auf dem Balkon eine Zigarette geraucht hatte. Ich warne euch: Vorsicht vor dem wahren Leben!

Ich hatte später noch viel mehr schlechten Einfluss auf Ralf: Den Zivildienst verbrachte Ralf mit einem meiner Kumpels. Darum beschlossen wir drei, Silvester (1999?) zusammen zu feiern. Das dürfte das einzige Mal gewesen sein – abgesehen von der Realschul-Abschlussfeier -, dass Ralf Bier trank. Trotzdem habe ich Ralf nie betrunken oder angeduselt gesehen. Bei seinen körperlichen Ausmaßen! Und so wenig wie der trank. Bier schmeckte ihm wohl nicht. Ihm fehlte halt die „Übung“.

Danach verlor man sich aus den Augen: Ralf studierte irgendwo „in der Stadt“.

Dann starb seine Mutter. Meine Mutter erzählte es mir. Sie wusste immer relativ gut über Ralf Bescheid. Keine Ahnung, woher.

Und dann starb Ralf.


Wieder war es meine Mutter, die es mir erzählte: Ralf fuhr nebenbei Taxi, um sich Geld fürs Studium zu verdienen. Er war mit seinem Taxi bei Glatteis von der Straße abgekommen, in einen Kanal gefallen und anschließend ertrunken. Ich hörte kurz die quietschenden Reifen, mit denen mich Ralf zu Hause abgesetzt hatte. Damals. Einige Jahre zuvor.

Es war nur ein Gerücht, das mit dem Ertrinken. Für mich machte es Sinn. Um ehrlich zu sein: Ich wunderte mich kein bisschen. Es passte zu Ralf.

Ralf war „der Erste“: Wenn man erwachsen wird, gibt es immer einen, der „der Erste“ ist: Der Erste, der abtritt. Der Erste, der Kinder kriegt. Der Erste, der heiratet. Der Erste, der sich scheiden lässt. Der Erste, der sich sterilisieren lässt. Der Erste, der wegzieht.

Der nächste Tag war seltsam: Die Sonne schien etwas heller als sonst, der Himmel war etwas blauer und für mich war es einfach nur ein Tag, den Ralf nicht mehr erlebte. Ein Tag, den ich ohne Ralf lebte. So geht es mir heute noch: Wenn Leute sterben, ist die Welt eine andere. Man lebt jetzt ohne diese Menschen. Man lebt die Tage, die diese Menschen nicht mehr erleben. Man „darf“ die Tage erleben, die diese Menschen nicht mehr erleben. Man denkt an das Schicksal: Welche Tage sind vorherbestimmt, von uns erlebt zu werden? Welche nicht mehr? Was würde sich ändern, wenn wir es wüssten? Was können wir lernen?

Ich schätze: Nichts. Wir können bloß weiterleben. Es gibt keine „Moral von der Geschicht'“, denn ich wüsste nicht, was wir von Ralf lernen könnten. Von seinem sinnlosen Tod. Seinem sinnlosen Leben?

Die Schweine machen nur noch Großpackung

Wochenende.

„Und du willst nachher tatsächlich nochmal los?“

„Ich kann nachher ruhig einkaufen gehen. Macht mir nichts aus. Abends ist ja auch weniger los, nicht wahr?“

„Du Toller.“

Was sie nicht weiß: In meinem Kopf nimmt ein perfider Plan Gestalt an: Ich werde mir für den Heimweg ein Raider kaufen.

Muhahahähä!


Kaufland.

Es ist noch genau so voll wie nachmittags. Das Gemüse ist weggekauft und alle drehen durch. Wochenende halt.

Ich überlege, ob ich mir was Süßes oder was zu saufen einpacken soll. Wie ich mich kenne, läuft es eh auf beides hinaus.

Als alles im Wagen verstaut ist, beginnt mein „wahrer“ Einkauf: Ich reihe mich in eine der riesigen Schlangen an der Kasse ein, sehe mich schon das Regal mit den Süßigkeiten durchstöbern, schwanke zwischen Raider, Mars und Snickers und lege mir nach kurzem Hin und Her ein Raider aufs Band.

Denkste.

An diesen scheiß elternfreundlichen Kassen gibt es keine Süßigkeiten mehr. Ich vergesse für einen Moment, dass ich selber Kinder habe und verdamme diese völlig übertriebene Rücksichtnahme. Scheiß Welt: Zu viel Rücksicht und zu viel Gesundheit.

(Und zu viel Klima. Und sowieso.)

Okay, alles zurück. Ich drehe um und begebe mich ins Purgatorium, an einen Ort, an dem ich seit Jahrzehnten nicht mehr war: In die Süßigkeiten-Abteilung!

Endlose Regalmeter orgiastischer Freuden! Engels-Fanfaren begleiten meinen Einzug in diesen wahren Garten Eden! Hier werde ich ihn finden, den Apfel am Baum der Erkenntnis.

Doch die Schlange ist auch schon da. Sie zischt mir entgegen. Vor lauter Schlange ist vom Baum nichts mehr zu sehen. Sie zwingt mich, eine Sünde zu begehen, die zu groß ist, um jemals durch das Opfer des einzigen Sohnes geläutert zu werden:

Es gibt nur noch Großpackungen.

Es gibt nur noch Fünfer-Packs.

Und außerdem finde ich mein Raider nicht.

Der Engel auf meiner linken Schulter erleidet einen Nervenzusammenbruch.

Der Teufel auf meiner rechten Schulter fängt an, breit zu grinsen.

Wie soll ich das jemals vor mir rechtfertigen?

Teufelchen sagt: „Ganz einfach: Nimm den Fünfer-Pack, pack dir zwei in die Jackentasche für den Rückweg, die anderen drei verteilst du unter den Armen – sprich: Einer für die Frau, einer für Kind 1, einer für Kind 2.“

Wir haben einen Deal. Ab zur Kasse.


Praktisch: Nach der Kasse gibt es Müllcontainer für Papier, Plastik, Batterien. Ich befreie den Fünfer-Pack von seiner sterblichen Hülle, zwei in die Jacke, drei in den Rucksack und trete den Heimweg an.

Dumm nur, dass zehn Schritte später bereits beide Riegel gegessen sind.

Teufelchen hilft mir rechnen: „Drei hast du noch. Wenn du noch einen isst, kannst du einen deiner Frau geben und einen isst du selber. Ihr könntet gemeinsam jeder einen Riegel essen!“

Na, so was zeichnet „normale“ Familien schließlich aus: Gemeinsame Mahlzeiten! Und für die Kinder hab ich eh Schoko-Pudding gekauft. Teufelchen ist halt noch ein wahrer Freund!

Dumm nur, dass ich nach halber Strecke bereits vier Riegel gegessen habe und nur noch ein Riegel übrig ist.

Engelchen sagt: „Wenn du den jetzt auch noch isst, hast du’s verkackt.“

Teufelchen sagt: „Wenn du den jetzt auch noch isst, hast du’s verkackt.“


Zuhause.

„Soll ich dir beim Auspacken helfen?“

„Kannst du schweigen wie ein Grab?“

Interessierter Blick.

„Kein Wort zu den Kindern.“ Ich öffne den Rucksack. Ganz oben liegt ihre Überraschung.

„Für mich?“

Ich nicke.

Sie schenkt mir ein verschwörerisches Lächeln, versteckt ES im Küchenschrank und ruft ins Wohnzimmer: „Möchte jemand Schokopudding?“